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Baugeschichte
der St. Josefkirche
Die
Baugeschichte begann 1884 mit der Bildung eines Kirchbauvereines. Die
Kirchengemeinde legte sich dabei eine freiwillige Kirchensteuer auf, der
katholische Verein "Constantia" bildete hinzukommend einen
eigenen Fond. Der Dichter des Eichsfeldliedes Hermann Isecke stiftete
den Erlös seines schriftstellerischen Schaffens zum Kirchbau, andere
Einzelspenden kamen hinzu. Besonders verdient um den Bau der
Kirche hat sich der damalige Pfarrer Dechant Heinrich Gleitz gemacht,
der zwischen 1886 und 1915 der Kirchengemeinde vorstand. Sein Grab
befindet sich links vom Haupteingang unter den großen Linden.
Im
Jahre 1900 erwarb die Kirchengemeinde den Bauplatz in der Waidstraße.
Bereits Ende 1902 schloss der Diözesanbaumeister Arnold Güldenpfennig
aus Paderborn seinen Bauplan für den Neubau der katholischen Kirche
in Mühlhausen ab. Am 14. Juli 1903 wurde die Grundsteinlegung der
Kirche gefeiert, wie es in Stein gemeißelt unterhalb des Ostfensters
bestätigt ist, ab 1905 die Kirche bereits von der Gemeinde für
Gottesdienste genutzt, auch wenn die Konsekration durch Bischof Dr.
Wilhelm Schneider aus Paderborn erst am 5. August 1907 vollzogen wurde.
Mit der Kirche wurden zugleich das Pfarrhaus und die Kaplanei gebaut.
Somit erhielt die neue Pfarrkirche zwischen Bahnhof und Innenstadt ihre
besondere architektonische Einbindung. Schmuckelemente der Kirche
waren die Steinbalustrade zwischen Mauerschluss und Dach, die allerdings
in den 1970er Jahren abgetragen wurde, und das aufwändig gestaltete
Westportal, der Haupteingang der Kirche. Dort begrüßen die vier abendländischen
Kirchenväter die Gläubigen. Diese sind von links gesehen: der Hl.
Augustinus mit bischöflichem Gewand und dem Herzen auf der Mitra, der
Hl. Hieronymus mit dem Kardinalshut, der Hl. Gregor der Große mit der
Tiara, der dreifachen Papstkrone, und der Hl. Ambrosius im bischöflichen
Gewand mit dem Kreuz auf der Mitra. Im Tympanon über der Eingangstür
sind Jesus am Kreuz mit Maria und Johannes dargestellt. Ebenfalls ein
architektonisches Kleinod ist die Darstellung der Schmerzensmutter
über dem Südportal.
Die
damalige Innengestaltung war vor allem von den neogotischen Fenstern
und dem Hochaltar geprägt, dessen zentrale Reliefs mit den
Darstellungen der Verkündigung an Maria und der Emmausbegegnung heute
die Außenwand des Beichtstuhls in der Südapsis zieren. In der Vierung
standen für die Kinder doppelseitig nutzbare Bänke, sodass bei der
Predigt auf der damaligen Kanzel an der zweiten rechten Säule die
Kinder sich zum Prediger umdrehen konnten. Die Innengestaltung zog
sich über mehrere Jahrzehnte hin. Die erst 1934 erfolgte Ausmalung mit
der Darstellung der 14 Nothelfer, der zwölf Apostel und des Liborius
Wagner in der Nord- und Südapsis ist heute nicht mehr erhalten.
Mit
dem Bau der St. Josefkirche wechselt auch das Patrozinium der
Kirchengemeinde vom Hl. Bonifatius zum Hl. Josef, dem Patron der
Arbeiter. Die von auswärts zugezogenen katholischen Christen, die in Mühlhausen
Arbeit fanden, hatten jetzt in Josef einen passenden Fürsprecher. Die
1903 auf über 2 000 Mitglieder angewachsene Gemeinde schuf sich mit der
St. Josefkirche und ihrem 52 m hohen Kirchturm ein unübersehbares
Bauwerk. An Selbstbewusstsein hat es in diesen Jahren nicht gefehlt. Die
Entscheidung zu einem neogotischen Baustil mit den auffällig großen
und vielen Fenstern erzählt von einer Generation, die sich nicht hinter
Mauern verschließen wollte, sondern den Kontakt in die Stadt hinein
suchte, die sich aber auch in der Kontinuität der großen gotischen
Stadtkirchen und deren Glaubenstradition sah. lm Jahre 1962 erfuhr die
St. Josefkirche eine vollständige Umgestaltung. Ziel der damaligen
Renovierung war es, den Kirchbau als Raum des Gottesdienstes stärker
hervorzuheben und alles schmückende Beiwerk herauszunehmen. Ein Großteil
der Heiligenfiguren verschwand, die neogotischen Kirchenfenster durch
die jetzige Rautenverglasung ersetzt und die Hoch- und Seitenaltäre
samt Holzkanzel abgebaut. Unter der Leitung des Kirchenarchitekten Heinrich
Gerlach aus Dingelstädt wurden Altartisch. Taufstein. Kanzel und
Tabernakelsockel im ortsüblichen Travertinstein neu gestaltet und
durch eine breite Treppenanlage erhöht. lm Zentrum des Ostchores stand
allein der Altartisch, der es dem Priester nun ermöglichte, die Heilige
Messe mit dem Gesicht zum Volk hin zu feiern. Ein neuer Tabernakel
entstand, und 1966 bekam die Kirche in dem Altarkreuz der Erfurter Künstlerin
Hildegard Hendrichs ihr neues zentrales Bildwerk. Das Ostfenster
wurde zugemauert, um das Gegenlicht zu mindern.
Nachdem
durch den Einbau der neuen Orgel in der Nordapsis 1981 ein bedeutsamer
architektonischer Einschnitt geschehen war, erhält die St. Josefkirche
im Jahr 2001 ihr "drittes Gesicht". Der Altarraum wird in die
Vierung gezogen, die Stühle vor der Orgel und die Bänke der rechten
Kirchenseite zum Altar hin gewendet. Der Tisch des Herrn bildet somit
optisch einen neuen Mittelpunkt des Kirchenraumes. lm Kreuzungspunkt der
vier Glassteine im Altar sind Reliquien des sel. Liborius Wagner
eingesetzt,
hinzukommend befinden sich Reliquien der hl. Eoban und Adolar sowie
der hl. Modesta und Walburga in der Altarplatte. Münzen und andere
Zeitzeugnisse aus dem Renovierungsjahr 2001 sind in der ersten
Altarstufe versenkt. Die rotflammende Gestaltung des Vierungsgewölbes
über dem Altar wirkt wie
ein
schützender Baldachin. Mit dem Vorziehen der Altarzunge wird es möglich,
als Gemeinde um den Altar herum Gottesdienst zu feiern. Andererseits
nimmt die Neugestaltung alte Tempeltraditionen auf: Vom Haupteingang
gesehen strukturiert sich die Kirche in den Raum des Volkes mit den
dazugehörenden Bänken, in der Vierung in den Raum des Opfers bzw. der
Liturgie und in dem goldumrandeten lichtdurchfluteten Ostchor in den
Raum des Allerheiligsten, dem Gott vorbehaltenen Ort. Die Neugestaltung
unter dem Architekturbüro Rangen und Partner mit Herrn
Riethmüller
als bauleitendem Architekten und Frau Körber als begleitender Künstlerin
hat zum Ziel, die St. Josefkirche nicht nur als gottesdienstlichen
Funktionsraum zu sehen, sondern als einen Ort der Begegnung zwischen
Gott und Mensch. Dieser Gedanke wird immer wieder architektonisch
durchgespielt. Der einheimische Travertinfußboden zum Beispiel steht für
die Menschen, die hier leben. Der in dieser Gegend fremde
Basaltlavastein auf der Altarzunge steht für Jesus Christus, der am
See Genezareth auf solch einem Stein gelaufen ist. Ein
Originalbasaltstein aus dem jüdischen Chorazin ist unterhalb des
Tabernakels eingelassen.
Der Gedanke der Begegnung zwischen Gott und den
Menschen wird ebenfalls in der Linienführung von Taufstein, Altartisch,
Tabernakel und neugestaltetem Ewigen Licht aufgenommen. Alles läuft auf
das wieder geöffnete Ostfenster zu mit der täglich aufgehenden Sonne
als dem zentralen Symbol der Auferstehung Jesu. Auf diesem Hintergrund
sind die fünf neuen Chorfenster das zentrale Kunstwerk in der
neugestalteten St. Josefkirche und eine Einladung, über Gottes
Gegenwart und des Menschen Sehnsucht zu meditieren.
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